Nach 27 Jahren: Ernst Hinsken übergibt an Josef Zellmeier

Der große Kreisvorsitzende tritt ab- Nach 27 Jahren: Ernst Hinsken übergibt an Josef Zellmeier - Stehende Ovationen


Straubing-Bogen. Ganz im Zeichen Ernst Hinskens stand die Delegiertenversammlung des CSU­-Kreisverbandes Straubing-Land am Mittwochabend in Rattiszell. Nach 27 Jahren trat Hinsken als Kreisvor­sitzender zurück. Zum Nachfolger wurde - gegen zwei Mitbewerber ­- Josef Zellmeier mit deutlicher Mehrheit gewählt. Sichtlich gerührt nahm Ernst Hinsken die Ovationen der knapp 200 Delegierten entgegen, die ihm minutenlangen Beifall spen­deten. Auf einstimmigen Beschluss der Versammlung wurde Hinsken zum Ehrenvorsitzenden ernannt.

"Ich tue diesen Schritt aus freien Stücken", betonte Hinsken in seiner Bilanzrede. Keiner habe ihn bedrängt. Hinsken hatte seine Rück­trittsabsicht schon vor Monaten be­kundet. In den 27 Jahren seines CSU-Kreisvorsitzes sei es ihm stets ein besonderes Anliegen gewesen, die Frauen und die Jugend zu för­dern. "Denn wer die Jugend hat, hat die Zukunft." Er sei daher stolz, dass in seiner Amtszeit der JU-­Kreisvorsitz die Fahrkarte für höhe­re Aufgaben gewesen sei.

Mit einiger Spannung wurde die Wahl von Hinskens Nachfolger er­wartet. Neben dem Landtagsabgeordneten Josef Zellmeier hatten sich auch der stellvertretende Landrat Josef Laumer und der Gemeinde­tags-Kreisvorsitzende Anton Drex­ler, der Bürgermeister von Wiesen­felden, beworben.

Schon die Bewerbungsreden machten klar, auf wen das Rennen zulaufen würde. Zellmeier überzeugte die Delegierten, dass er einen klaren christlich-konservativen Kurs verfolgen werde. Er wandte sich auch strikt gegen Wendehalspo­litik und Populismus.

Eindeutiges Ergebnis für Zellmeier

Mit 121 der 193 gültigen Stimmen (= 62,7 Prozent) wurde Zellmeier über Erwarten deutlich gewählt. Auch Laumer, der auf 51 Stimmen kam, waren gute Chancen einge­räumt worden. Anton Drexler erhielt 21 Stimmen. "An eurer Spitze zu stehen, ist mir ein wahres Ver­gnügen", erklärte Zellmeier (siehe auch nebenstehendes Interview).

Zu Stellvertretern gewählt wur­den Bezirkstagsvizepräsident Franz Schedlbauer mit 178 von 189 Stim­men, Kreisrätin Barbara Unger mit 174 von 186 Stimmen, Fraktionsvor­sitzender Ewald Seifert mit 181 gül­tigen Stimmen und schließlich Josef Laumer, der sich mit 147 von 192 Stimmen gegen Haibachs Bürger­meister Alois Rainer durchsetzte.

Hinsken zum Ehrenvorsitzenden ernannt

Mit einstimmigem Beschluss er­nannte die Versammlung Ernst Hinsken zum Ehrenvorsitzenden. In einer Festversammlung im Herbst soll dieser Akt offiziell vollzogen werden. Dabei sollen auch die schei­denden Mitglieder geehrt werden.

Die finanzielle Lage des Kreisver­bandes ist gut, wie Schatz­meister Josef Simmel berich­tete. Mit einem Finanzpolster von rund 216000 Euro ist der Kreisver­band für kom­mende Aufga­ben und anste­hende Wahlen gerüstet.

"Ernst Hins­ken tritt nicht ab", betonte Europaabge­ordneter und Bezirksvorsit­zender Manfred Weber in seiner Rede. Denn seit Kurzem Mitglied im Ausschuss für Wirtschaft und Technologie sei Hinsken mehr denn je ein starker Vertreter Niederbayerns in Berlin. Weber beschrieb Hinsken als fleißi­gen, durchsetzungsfähigen Politiker mit Vorbildfunktion. Das zeigten beispielsweise der Besuch von Merkel und Sarkozy in Straubing oder der Erhalt der Bundeswehrstandor­te im Landkreis. Es zeichne Hinsken aus, wie hartnäckig er seine Interes­sen in den vielen Jahren vertreten habe. Weber selbst kenne Hinsken noch aus seiner Zeit bei der JU und weiß: "Es hilft nix, wenn man ihm widerspricht, man muss eh immer nachgeben." Auch der CSU-Kreis­vorsitzende Straubing-Stadt Mar­kus Pannermayr würdigte das lang­jährige Engagement und die Verant­wortlichkeit Hinskens im CSU­Kreisvorsitz.

"Ich kenne keinen, der sich selbst so viel abverlangt wie er." Es habe kaum ein wichtiges Thema im Land­kreis gegeben, bei dem er keine Rolle gespielt habe. "Er ist ein Glücksfall für unsere Heimat."


Der neue Vorstand

Vorsitzender: Josef Zellmeier

stellvertretende Vorsitzende: Franz Schedlbauer, Barbara Un­ger, Ewald Seifert und Josef Laumer.

Schatzmeister: Josef Simmel.

Schriftführerinnen: Andrea Probst und Veronika Zitzelsberger

Beisitzer: Alois Rainer, Hel­mut Muhr, Eva Sepaitner, Erwin Kammermeier, Johann Tremmel, Robert Fahrner, Margarethe Stadler, Anton Piermeier, Alfons Wolf, Wolfgang Zirngibl, Karl Wellenhofer, Hans Kienberger, Markus Mühlbauer, Stefan Schneider, Jürgen Tanne, Chris­tian Schambeck, Elke Häusler und Barthl Sagstetter


"Das stärkt mich"

Fragen an den neuen CSU-Kreis­vorsitzenden josef Zellmeier

Mit einem so klaren Ergebnis - 62,7 Prozent bei zwei Gegenkandi­daten - hat kaum jemand gerechnet. Sie selbst?

Zellmeier: Nein, ich bin davon ausgegangen, dass ich mich knapp durchsetzen kann, aber nicht mit dieser großen Zustimmung.

Gibt das Rückenwind? Zellmeier: Wenn mich die Ver­sammlung fast mit Zwei-Drittel­-Mehrheit trotz zweier guter Gegen­kandidaten wählt, stärkt mich das ungemein.

Ihr Vorgänger hat ein straffes Re­giment geführt. Wie wollen Sie es halten?

Zellmeier: Ein straffes Regi­ment war auch manchmal notwen­dig, aber ich glaube, dass mein Führungsstil etwas, etwas ...

... demokratischer sein wird?

Zellmeier: ... etwas liberaler; die Mannschaft um Ernst Hinsken war fest gefügt und gut geführt, aber un­ter neuen Leuten gibt es auch gleich wieder mehr Diskussionsbedarf.

In welcher Verfassung finden Sie den Kreisverband vor?

Zellmeier: In der bestmögli­chen. Sowohl in der Zahl der Mit­glieder als auch in der Akzeptanz bei den Bürgern als auch bei den Wahl­ergebnissen war und ist der Kreis­verband Straubing-Land der beste in Niederbayern.

Was gilt es, ihrem Vorgänger und neuen Ehrenkreisvorsitzenden hin­terherzurufen?

Zellmeier: Er hatte eine un­glaubliche Kraft zur Integration, er hat auch Unangenehmstes durchge­setzt, wenn er die Notwendigkeit erkannt hatte, er hat es geschafft wie kein anderer, den Kreisverband zu­sammenzuhalten. Dafür gebührt Ernst Hinsken größter Dank.


"Das hat mich schon stark berührt"

Ernst Hinsken über seinen Abgang als Kreisvorsitzender der CSU

Er war sichtlich bewegt, als ihn die Kreisdelegierten frenetisch feierten. Im Kurzinterview am Ran­de der Versammlung spricht Ernst Hinsken über seine fast drei Jahr­zehnte als Kreisvorsitzender.

27 Jahre Kreisvorsitz, eine unend­lich lange Zeit - mit welchen Gefüh­len tritt man da ab?

Hinsken: Ich war ja darauf vor­bereitet, mein Rücktritt war lange bekannt. Ich habe es gerne und mit Leidenschaft gemacht, da kommt dann schon ein wenig Wehmut auf, ich mache daraus kein Hehl. Ande­rerseits freut man sich, zu sehen, welche tüchtigen und engagierten Kräfte die Nachfolge antreten.

Drei Minuten Standing-Ovations, andere bekommen fünf oder sieben ­reicht Ihnen das?

Hinsken: Ich habe die Versamm­lung ja selbst aufgefordert, aufzuhö­ren. Aber diesen Dank, diese Leidenschaft der Partei, der Delegier­ten, habe ich so nicht erwartet. Ich habe das noch nie erlebt. Das hat mich schon stark berührt.

Ganz spontan: Was war Ihr größ­ter Erfolg oder Triumph?

Hinsken: Als ich an einem Mon­tag früh über Radio gehört habe, dass ich in den Bundestag gewählt bin, das war im September 1980.

Und Ihr größter Misserfolg oder Niederlage?

Hinsken: Da gibt es mehrere. Ich habe auch eine Reihe von Nacken­schlägen einstecken müssen, wobei einen Niederlagen oder Misserfolge nicht nur schmerzen, sondern auch in der persönlichen Entwicklung helfen. Schlimm war es aber immer dann, wenn man mir Unrecht tat.

Was würden Sie im nachhinein anders machen? Gibt es da etwas?

Hinsken: Im Grunde genommen gar nichts ...

... heißt das, dass Sie alles richtig gemacht haben?

Hinsken: Nein, jeder Mensch macht Fehler, auch der Ernst Hin­sken. Ich habe aber auch vieles rich­tig gemacht, ich habe die Jugend gefördert, wir haben viele junge Kandidaten, ich habe die Frauen gefördert, wir haben eine stellvertre­tende Landrätin, wir haben eine Erste Bürgermeisterin und drei stellvertretende im Landkreis.

Aber die CSU als Partei hat im Frauenanteil immer noch enormen Nachholbedarf, vor allem bei Frauen in Ämtern.

Hinsken: Wir müssen insbeson­dere die Frauen zwischen 25 und 45 gewinnen, die stehen der CSU insge­samt nicht sehr nahe ...

... woran liegt das? Das ist die Generation der selbstbewussten, gut ausgebildeten, modernen Frauen.

Hinsken: Wir müssten womög­lich einen Schuss moderner werden, ohne die Ideale und Grundsätze der Partei zu verraten. Frauen wollen Beruf und Familie in Einklang brin­gen, ältere Frauen wollen sich zu­dem oft sozial engagieren. Da muss noch einiges passieren .

Was muss der Neue mitbringen, dass er einen Kreisverband führen kann?

Hinsken: Er muss eine klare Li­nie haben. Er muss die Richtung vorgeben, darf nicht wackeln und muss auch für Unangenehmes ste­hen und die Grundsätze wahren, für die wir alle stehen. Er muss notfalls auch nach ganz oben, bis zum Par­teivorsitzenden, klare Kante zeigen.

Wie lange hat es bei Ihnen gedau­ert, bis Sie sicher im Sattel saßen?

Hinsken: Da habe ich mich von Anfang an relativ sicher gefühlt. Ich war damals schon einige Jahre Mit­glied des Bundestages, da bekommt man schon sein Rüstzeug. Stolz bin ich aber darauf, dass der Kreisver­band heute mehr Mitglieder hat als zu meinem Amtsantritt. Das ist nicht selbstverständlich.

Interviews: Bernhard StuhlfeIner


KOMMENTAR

Starke Stücke

Mag mancher auch seiner nach Jahrzehnten der breiten öffentlichen Präsenz durchaus überdrüssig sein - wie es damals bei Helmut Kohl so war ("Ich kann ihn nicht mehr· sehen") -, und doch ist es unbe­streitbar, dass Ernst Hinsken der mit Abstand bedeutendste, erfolgreichste und wirksamste Politiker der Region Straubing der letzten 20 Jahre ist. Da gibt es nichts hin oder her zu disku­tieren. Tatsache bleibt Tatsache. Man muss sie ja nicht mögen.

Ernst Hinsken übernahm An­fang der neunziger Jahre über­gangslos den Stab des Leitpoli­tikers der Region von Alfred Dick, der 20 Jahre lang dem bayerischen Ministerrat ange­hörte. Dick und Hinsken sind die prägenden politischen Figu­ren der Nachkriegsregion Strau­bing-Bogen. Sie haben beide Enormes erreicht und geleistet.

Wäre sich Ernst Hinsken hin und wieder nicht selbst im Weg gestanden, hätte es zu noch mehr reichen können als zu ei­nem dreiviertel-Jahr des Staats­sekretärdaseins im Bundeslandwirtschaftsministeri um oder wie derzeit zum Vorsitz des mächtigen Wirtschaftsausschusses im Bundestag. Die Kompetenz hatte er, oft genug aber nicht die innere Gelassen­heit und Souveränität, die den ganz großen Erfolg bedingt. Der Überehrgeiz war sein Handicap, das er immer im geschnürten Bündel bei sich trug. Ein Politi­kerdasein ohne breite öffentliche Anerkennung war für Ernst Hinsken nicht vorstellbar.

Insofern hätte ihm die Besin­nung auf den Leitspruch des Papstes Johannes XXIII. hin und wieder auch recht gutgetan, der sich selbst tagtäglich gesagt ha­ben soll: Nimm dich nicht so wichtig, Giovanni!

Noch steht Ernst Hinsken voll im politischen Saft, ist es zu früh für Bilanzen. 27 Jahre lang aber einen Kreisverband zu führen, ist ein starkes Stück. Ernst Hin­sken hat viele starke Stücke auf­geführt. Die Kreisdelegierten dankten es ihm am Mittwoch­abend mit frenetischem Beifall.

Bernhard Stuhlfelner


Bericht und Bilder : (sek) SR-Tagblatt, 4.6.2011

 

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