Rettung oder Tod der Hauptschulen - Regierung: Mittelschule einzige Alternative

Das Thema Mittelschulen bewegt derzeit die Gemüter, in der Politik und bei all jenen, die schulpflichtige Kinder haben: Bis zum Schuljahr 2010/2011 will die bayerische Staatsregierung Hauptschulen mit einem breiten Bil­dungsangebot das Gütesiegel "Mit­telschule" erteilen. Doch nicht jede Schule, gerade in ländlichen Regio­nen, kann alle erforderlichen Krite­rien erfüllen. Bedeutet das für einige Hauptschulstandorte in Niederbay­ern und der Oberpfalz die Auflö­sung? "Nein", sagen Vertreter der bayerischen Staatsregierung.

Insgesamt gibt es 131 staatliche Hauptschulen in Niederbayern und 109 in der Oberpfalz. Um das Güte­siegel Mittelschule zu erhalten, muss die Hauptschule die drei Ausbil­dungszweige Technik, Wirtschaft und Soziales, ein Ganztagsangebot und die Möglichkeit für den mittle­ren Schulabschluss anbieten. Au­ßerdem müssen Mittelschulen Koo­perationen mit einer Berufsschule, der regionalen Wirtschaft und der Arbeitsagentur unterhalten. Und die Mittelschulen müssen individu­elle Förderungen für schwächere und besonders gute Schüler offerie­ren.

Wenn eine einzelne Hauptschule diese Anforderungen nicht erfüllen kann, gibt es die Möglichkeit, sich mit umliegenden Schulen zu einem Verbund zusammenzuschließen. Gesetzlich sind keine Mindestschüler­zahl und kein konkreter Zeitpunkt für die Umstrukturierung vorge­schrieben. "Für Mittelschulen gibt es jedoch eine Standortgarantie" , versichert Michael Bragulla, Presse­sprecher der Regierung von Nieder­bayern.

"Die Reform soll bewirken, dass möglichst viele Hauptschulstandor­te erhalten werden können", betont Joseph Karl, Pressesprecher der Re­gierung der Oberpfalz. Nach derzei­tigen Regelungen müssten nur Hauptschulen aufgelöst werden, die nicht mehr dauerhaft alle Jahrgangsstufen führen und sich keinem Verbund anschließen. Ob es solche Fälle in der Oberpfalz oder in Nie­derbayern geben wird, lasse sich noch nicht sagen, da die Verhandlungen über Verbundlösungen noch nicht abgeschlossen sind, so Karl und Bragulla unisono. Zudem kön­nen sich Hauptschulen auch noch zu einem späteren Zeitpunkt einem bereits existierenden Verbund an­schließen.

In der Oberpfalz sind laut Regie­rungsschuldirektor Richard Glom­bitza die Informationsveranstaltun­gen mit Eltern, Schulleitern, Lehrern und Bürgermeistern rund um die Mittelschule bereits abgeschlos­sen. Und überall sei die Reform größtenteils auf Zustimmung gesto­ßen, da es keine andere Alternative gebe, um die Schulstandorte zu erhalten.

„Einige zaudern noch"

Eine ähnliche Erfahrung hat Nie­derbayerns Regierungsschuldirek­tor Josef Schätz gemacht, bei dem auch schon die ersten Anträge für die Umstrukturierung zur Mittel­schule eingegangen sind. "Einige zaudern noch, jedoch sehen alle den Handlungsbedarf." Mit der Haupt­schulreform könne die Qualität des Unterrichts erhalten werden. Und zugleich werden die Standorte gesi­chert, so Glombitza. Weil immer we­niger Kinder geboren wurden, gebe es 2009 in der Oberpfalz nur noch rund 65 000 Hauptschüler, vor neun Jahren seien es noch rund 96000 gewesen. Und das habe auch nichts mit den Übertrittszahlen an weiter­führende Schulen zu tun: Grob ge­rechnet gibt es in Bayern nämlich ein Drittel Hauptschüler, ein Drittel Wirtschafts- und Realschüler sowie ein Drittel Gymnasiasten. Die Hauptschule als Restschule zu be­zeichnen, verurteilt Glombitza aufs Schärfste: "Hauptschüler, das sind die gefragten Leute für das Hand­werk." Ihre Schulbildung habe vor allem Praxisbezug. "Darum müssen wir jetzt an unsere Schüler denken und die Menschen mit praktischer Intelligenz stärken." In zehn Jahren, wenn man sieht, wie sich das Schul­system und. die Schülerzahlen entwickeln, könne man sich wieder neue Gedanken machen.

Lange Schulwege?

Gegner der Hauptschulreform kritisieren, dass Schüler künftig weitere Schulwege in Kauf nehmen müssen. Wie weit die Schulwege je­doch letztlich seien, hänge vom je­weiligen Schulverbund und den ge­troffenen Vereinbarungen ab, so die beiden Regierungspressesprecher. Grundsätzlich müssten mit Einfüh­rung der Mittelschule weniger Schü­ler pendeln als ohne. Im Zuge der demographischen Entwicklung gebe es immer weniger Schüler und so könnten einige Schulstandorte si­cherlich nicht gehalten werden. Dies haben laut Michael Bragulla zum Beispiel Hochrechnungen für fünf Jahre für den Landkreis Freyung­-Grafenau ergeben. "Dann müssten alle Betroffenen zur nächsten Schu­le fahren." Mit Einführung der Mit­telschule seien weniger Schüler un­terwegs, weil diese weiterhin vor Ort erhalten bleibe.


Die Stimmen der Politiker zur Hauptschulreform sind unterschiedlich. Scharf kritisiert wird sie vor allem in der Opposition. CSU- und FDP-Par­teimitglieder sprechen sich hinge­gen klar für die Mittelschule aus, wenn bei der Umsetzung bestimm­te Forderungen beachtet werden:

Manfred Weber (Kelheim), CSU-Be­zirksvorsitzender betont, Kooperatio­nen zwischen einzelnen Schulen habe es bisher schon gege­ben und so sei die Mittelschule nur eine Weiterent­wicklung dessen, was bisher schon praktiziert werde. Die Reform und ihre konkrete Umsetzung, die bisher auf einem Kabinettsbeschluss ba­siert, sei im Frühjahr Thema im Landtag. Dabei werde unter ande­rem die Lehrerzuteilung für die einzelnen Schulverbünde diskutiert. Seine konkrete Forderung: "Es darf nicht zu einem Abschmelzen des Lehrerbudgets kommen und auch nicht zu sehr großen Klassen."


MdL Dr. Andreas Fischer (Kelheim), Bezirksvorsitzender der FDP, sieht in der Mittelschule und im Zusammenschluss in Schulverbünde das einzige Konzept, um die Hauptschu­len zukunftsfähig zu machen. "Je­doch, ganz ohne Fahren wird es wohl nicht gehen." Der Erhalt der wohnortnahen Schulen sei jedoch die wichtigste For­derung für seine Zu­stimmung zu dieser Reform.


Der Bezirks- und Landesvorsitzende der Freien Wähler, MdL Hubert Aiwan­ger (Rottenburg), ist sich sicher, dass der Zusammen­schluss in Schulverbünde die Vorstufe sei, um später nur noch einen größeren Schulstandort je Verbund zu erhalten und die kleine­ren zu schließen. Die Freien Wähler plädieren für kleinere Klassen, not­falls Kombi-Klassen und individu­elle Lösungen für jeden Hauptschul­standort. Bisher seien 15 Schüler nötig, um eine Schulklasse bilden zu können. Damit das System Mittel­schule funktioniere, müssten laut Aiwanger pro Standort 300 bis 500 Kinder zur Schule gehen. Und dies sei eine Zahl, die in vielen ländli­chen Regionen nicht erreicht werden könne. Die Einführung der Ausbil­dungszweige Soziales, Wirtschaft und Technik, tut Aiwanger als "alter Wein in neuen Schläuchen" ab. Ge­nauso wie den geforderten Praxisbe­zug: "Das hat es bisher auch schon gegeben."


perlakreinholdAuch Straubings MdL Reinhold Perlak (SPD), Mitglied des Aus­schusses für Kommunale Fragen, hält die Haupt­schulreform für ein " unausgegorenes Konzept", das wohnortnahe Schu­len auf dem Land zum Sterben verur­teile. Im Landtag habe er bereits einen Dringlichkeits­antrag gestellt, dass die Umsetzung dieser Reform mit sofortiger Wir­kung ausgesetzt wird. Die SPD will ein integratives Schulsystem, in dem alle Kinder gemeinsam bis zur zehn­ten Klasse lernen. In einem ersten Schritt sollte die Grundschule auf sechs Jahre verlängert werden, da­ran schließt sich die vierjährige Ge­meinschaftsschule mit einem neuen pädagogischen Kon­zept an. Das drei­gliedrige Schulsys­tem würde durch diese Gemein­schaftsschule ersetzt werden.


steinbergerrosiRosi Steinberger (Landshut), Bezirksvorsitzende der Grünen, befürchtet ebenfalls, dass die Schulreform langfristig das Aus für die Hauptschulen bedeuten wird. Sie findet die Anforderungs­kriterien für eine Mittelschule zu hoch. Um diese erfüllen zu können, seien die Schulen gezwungen, sich in einem sehr großen Verbund zusam­menzuschließen, was zwangsläufig zu weiten Fahrstrecken führt. Zu­dem sei das Lehrerbudget für die Mittelschulen zu klein. "Da es für den ganzen Schulverbund vergeben wird, werden die Kommunen und Schulleiter gezwungen sein, kleine­re Standorte aufzulösen" , prog­nostiziert Steinberger. Die einzige Lösung der Probleme rund um die Hauptschule sieht sie in der Auflö­sung des dreigliedrigen Schulsys­tems. Ihrer Meinung nach wäre es am sinnvollsten Haupt- und Real­schulen zusammenzulegen, so dass es nur das Gymnasium und eine Schule für einen Mittleren Schulab­schluss gibt.

 


Von Sonja Hauenstein (Straubinger Tagblatt, 18.12.09)

 

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