Kniffliges Planspiel rund um die Mittelschule

Kniffliges Planspiel rund um die Mittelschule - Verbund aus Hauptschulen soll als Mittelschule die Qualität des Abschlusses verbessern

Immer weniger Kinder ergibt immer weniger Schüler - vor allem für die Hauptschulen. Nicht zuletzt deshalb, weil Eltern, wenn sie die Wahl haben, ihre Kinder lieber in die Realschule schicken. Dieser Trend soll nun durch eine ausgefeilte schulische Ausbildung und eine gezielte Hinführung zum späteren Beruf nicht nur gestoppt, sondern umgekehrt werden. Die Hauptschule wird ab dem Schuljahr 2010/2011 als ein Verbund, bestehend aus mehreren Hauptschulen, neu aufgestellt und in Mittelschule umbenannt.
An vielen Hauptschulen herrscht Schülermangel. Besonders im ländlichen Raum kämpfen sie ums nackte Überleben. In Stallwang gibt es derzeit nur noch 30 Hauptschüler. "Wenn wir den Schülerschwund reglos hinnehmen, müssen viele der Hauptschulen früher oder später geschlossen werden", sagt Ulrich Pannermayr. Der Schulamtsdirektor stellt sich voll und ganz hinter die geplante Schulreform, von der er sich viele positive Impulse verspricht. Und er warnt, sich der Reform zu verschließen.
"Schon allein wegen der demografischen Entwicklung werden wir weniger Schüler haben". Derzeit gehen in Bayern 240000 Schüler in die Hauptschulen. Fachleute schätzen, dass diese auf 200000, wenn nicht sogar 180000, sinken könnten. Dennoch seien Hauptschulen in Bayern alles andere als Restschulen. Immerhin würden sie von 30 Prozent aller Schüler besucht. Zum Vergleich: In Berlin gehen nur acht Prozent der Schüler in die Hauptschule.
Zu den generell sinkenden Schülerzahlen komme aber auch, dass es mit dem Image der Hauptschule trotz intensiver Bemühungen nicht mehr zum Besten stehe, sagt Pannermayr. "Ein weiterer Grund, die Hauptschulreform zu unterstützen."

Mindestzahl : 300

Nur durch eine ausreichende und feste Anzahl an Schülern pro Verbund sei sichergestellt, dass allen Kindern gleichzeitig ein qualitativ hochwertiges und umfassendes Bildungsangebot gemacht werden kann. Und nicht zuletzt: dass auch etwas kleinere Hauptschulen zumindest für die 5. und 6. Klassen erhalten werden können. Die Untergrenze für den Verbund hat das Kultusministerium auf etwa 300 festgelegt - vorerst. Da im Landkreis Straubing-Bogen allerdings lediglich die Hauptschule in Bogen (305 Schüler) diese Grenze alleine erreicht, müssten sich die anderen Schulen wiederum zu einem gemeindeübergreifenden Schulverbund zusammentun.
Am Papier skizziert Pannermayr kurzerhand einen Verbund bestehend aus vier Hauptschulen. Der Kreis in der Mitte (Schule D) wird umgeben von den Schulen A bis C. In seinem Beispiel bleiben den kleineren Hauptschulen A bis C die Klassen 5 und 6 mit den jetzt schon üblichen schulischen Angeboten. Die Schule D erhält als größte Schule die Klassen 7 bis 9 (oder auch 10) mit den drei berufsorientierenden Zweigen Technik (wie Werken), Wirtschaft (wie EDV) und Soziales (wie hauswirtschaftlicher Bereich). Grundsätzlich könne der Schüler eines Verbundes zwischen Regelklasse, M-Klasse und Ganztagsangebot wählen.
Drei Zweige
Es gebe aber auch Rahmenbedingungen, die unverändert bleiben. So würden bis zur 7. Klasse alle drei Zweige weiterhin gleichwertig unterrichtet. "Dadurch können die Schüler testen, welcher Bereich für sie geeignet ist". erklärt Pannermayr. "Umfassende Praktika in der 7. Klasse helfen zudem bei der Entscheidung, welcher der drei Zweige schließlich ausgewählt wird." Danach sollen die Schüler in dem von ihnen ausgewählten Zweig mit vier Wochenstunden auf die spätere Ausbildungsstelle gezielter als bisher vorbereitet werden.
In diese Schulreform seien die zweijährigen Erfahrungen der Hauptschul-Initiative eingeflossen. Diese habe deutlich gezeigt, wie wichtig vertiefte Berufsorientierung und Modularisierung für die Schüler seien. Dafür seien aber größere Verbunde notwendig. "Der Hauptschulverbund ist für die Kinder die bestmöglichste Lösung", ist sich der Schulamtsdirektor sicher. Das Argument der Reformgegner, dass die Schüler verstärkt auf den Straßen unterwegs sein müssen, lässt Pannermayr so nicht gelten. "Auch Realschüler und Gymnasiasten müssen zu ihren Schulen in anderen Orten fahren. Warum sollten ausgerechnet Hauptschüler dies nicht können. Auch die Kritik, dass es lediglich eine Namesänderung sei, die dazu führe, dass die kleineren Hauptschulen geschlossen werden, weist er von sich. "Es ist eine qualitative Steigerung in der Ausbildung und eine Aufwertung eines Abschlusses."

Das Kultusministerium hat die Bedingungen wie die Schüleruntergrenze festgelegt. Welche Schule sich nun mit welcher Schule zu welchem Verbund einigt, ist die Sache der Bürgermeister und Schulleiter. Natürlich laufen derzeit bereits Sondierungsgespräche. "Wir halten uns da raus", sagt Pannermayr. "Unsere Aufgabe ist die Beratung." Mit welcher Nachbargemeinde, ob über die Landkreisgrenzen hinweg oder sogar Regierungsbezirkübergreifend, alles sei denkbar. In einigen Monaten startet dann das Dialogverfahren. Dabei wird von allen Verantwortlichen eine Lösung erarbeitet. die für alle Beteiligte - nicht zuletzt die Schüler - die beste ist.

Fix ist nix
Pannermayr ist selbst schon ganz gespannt, welche Vorschläge im Dialogverfahren unterbreitet werden. Eines aber ist er sich ziemlich sicher. "Ich glaube fest daran, dass alle Bürgermeister und Schulleiter das Modell der Mittelschule verwirklichen wollen." Schließlich glaube er an die Vernunft im Menschen.
Auf alle Fälle ist das Planspiel rund um die Mittelschule inzwischen eröffnet. Und es ist spannend. Denn wie Schulrat Pannermayr es ausdrückt. Fix ist nix !


"Mittelschule" mit einem breiten Bildungsangebot

Im Schuljahr 2006/07 wurde von der bayerischen Staatsregierung eine große Hauptschulinitiative gestartet, die die Hauptschule zu einer Schule nahe am Beruf weiterentwickeln soll. In der neuen bayerischen "Mittelschule" werden die Errungenschaften nun gebündelt. Das Ziel bleibt, mit der Mittelschule die bisherige Hauptschule als wohnortnahe und allgemein anerkannte Schulart zu erhalten. "Mittelschule" wird sich in Zukunft eine Hauptschule dann nennen können, wenn sie ihren Schülern folgendes breit gefächertes Bildungsangebot unterbreitet:

  • drei berufsorientierende Zweige Technik, Wirtschaft und Soziales
  • ein Ganztagsangebot
  • eine ausgestaltete Kooperation mit einer Berufsschule, der regionalen Wirtschaft und der Arbeitsagentur.
  • einen mittleren Bildungsabschluss auf dem Niveau von Wirtschafts¬und Realschulen
  • die zusätzliche modulare/individuelle Förderung der Schüler im Klassenverband unter Beibehaltung des Klassenlehrerprinzips sowie
  • Angebote der Jugendsozialarbeit beziehungsweise von Förderlehrern.

Mithilfe von Schulverbünden sollen so viele Schulstandorte wie möglich so lange wie möglich erhalten werden


Die Schüler im Landkreis und der Stadt Straubing
Im Bereich des Staatlichen Schulamtes des Landkreises Straubing-Bogen und der Stadt Straubing gibt es insgesamt 14 Volksschulen - zwei in der Stadt und zwölf im Landkreis - und vier Hauptschulen (zwei Stadt/drei Landkreis).
  • Volksschulen gibt es noch in: Leiblfing, Straßkirchen, Rain, Parkstetten. Schwarzach, Kirchroth. Wiesenfeiden. Stallwang, Rattenberg. Mitterfels-Haselbach, Geiselhöring und Hunderdorf.
  • Hauptschulen: Mallersdorf-Pfaffenberg, Bogen.

Zahlen der Hauptschüler In der Stadt Straubing 2008/2009:

  • Volksschule Alburg (Ganztagsangebot) 239
  • Volksschule Sankt Josef 176
  • Grundschule und Hauptschule Ulrich Schmidl 339
  • Grundschule und Hauptschule Ittling 146

Zahlen der Hauptschüler 2008/2009 im Landkreis Straubing-Bogen:

  • Volksschule Hunderdorf (VS) 163
  • VS Kirchroth 74
  • VS Leiblfing 133
  • VS Mitterfels/Haselbach 177
  • VS Parkstetten 92
  • VS Rain 120
  • VS Rattenberg 94
  • VS Schwarzach 279
  • VS Stallwang 30
  • VS Straßkirchen 119
  • VS Wiesenfeiden 137
  • Hauptschule Bogen (HS) 305
  • HS Geiselhöring 164
  • HS Mallersdorf-Pfaffenberg 103

KOMMENTAR : Keine freie Auswahl
Von der "Wahl" und der " Qual" können die Bürgermeister einiger Schulstandorte derzeit ein Lied singen. Sie haben freie Partnerwahl, dürfen sie doch im Zuge der Hauptschulreform wählen, ob sie mit ihrer Hauptschule eine Mittelschul-Ehe mit anderen Hauptschulen eingehen wollen. Wenn nicht, dann bleibt sie eine einfache Hauptschule - das geht auch. Für die Ehe hat das Kultusministerium ihnen nicht einmal regionale Grenzen gesetzt. Sie dürfen sich mit ihren Wunsch-Ehepartnern über Landkreisgrenzen hinweg, ja sogar regierungsbezirkübergreifend vermählen. Und auch die Zahl der Partner bleibt ihnen überlassen.
Ist dies nun ein Haupttreffer mit freier Auswahl? Nicht ganz. Schließlich besteht bei einigen Schulen ein schulübergreifender Schüleraustausch. der sich größtenteils bereits bewährt hat. Zudem hat das Kultusministerium unter den Strich (vorerst) die Zahl 300 geschrieben. So viele Schüler sollten insgesamt innerhalb des neuen Schulverbundes zusammengefasst werden. Hoppla, die Schüler, die gibt's schließlich auch - noch. Die sollen ja künftig nicht zu weite Wege zurücklegen müssen, nur um an ihre neue Mittelschule zu kommen.
All das grenzt das Planspiel mit den unzähligen Bräuten zwar irgendwie ein - und doch auch wieder nicht genug. Ganz ehrlich. Einigen Bürgermeistern wäre eine Zwangshochzeit sowieso lieber gewesen. Ist es doch in der heutigen Zeit bequemer, die unpopulären Entscheidungen die Ministerien treffen zu lassen. Aber auch die haben aus der Vergangenheit gelernt und überlassen den Schwarzen Peter lieber den anderen.
Und das ist gerade bei einer sensiblen Schulreform gut so. Schließlich kennen nur die Beteiligten vor Ort die speziellen Gegebenheiten. Zudem weiß keiner so gut wie sie, wie überfällig diese Hauptschulreform wirklich ist. Viel zu lange schon sind die Hauptschüler die Leidtragenden des stetig schlechter werdenden Rufs der Hauptschulen. Und dies noch dazu in vielen Fällen völlig unberechtigt: Denn eigentlich bietet diese Schulform den Absolventen ausgezeichnete berufliche Möglichkeiten. Wenn sie ihr Handwerkszeug gut gelernt haben.
Auch im Landkreis Straubing¬Bogen werden fähige Handwerker und Facharbeiter bald händeringend gesucht werden. Gesetzt den Fall. die Absolventen werden fundiert und gezielt auf den späteren Beruf vorbereitet. Dann haben Hauptschüler nicht nur beste Aussichten auf einen Ausbildungsplatz, sondern auch auf einen angemessenen Arbeitsplatz.
Schon allein deshalb kommen die Bürgermeister an der Entscheidung "pro Mittelschule" eigentlich nicht herum. Schließlich geht es nicht um den Erhalt einer Schule an irgendeinem Ort, sondern um die bestmögliche Ausbildung für die Hauptschüler. Gibt es da wirklich noch was zu überlegen?

SR-Tagblatt, 4. Sept. 2009

 

 


 

 


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